Privatärztliche Praxis
Ausgabe 6/2019

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Rückblick / Tag der Privatmedizin / Frankfurt / 30. November 2019 /

Frankfurter Erklärung / Der PBV setzt sich für den  Erhalt einer qualitativ hochwertigen Patientenversorgung ein.

 

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Vierter Tag der Privatmedizin: ein großer Erfolg

 

Der am 30. 11. 2019 in der Frankfurt School of Finance & Management abgehaltene vierte Tag der Privatmedizin stieß auf sehr viel Resonanz, das neue Ambiente gefiel allen Beteiligten sehr gut!

 

Es scheint bezeichnend, dass alle Impulse und Veränderungen im Wesentlichen auf den vertragsärztlichen Bereich und dessen weitere Einschränkung der Freiberuflichkeit abzielen. Ist es Zufall oder Absicht, dass die Privatmedizin in dieser Hinsicht „hintenansteht? Soll man sich dar-über freuen oder eher misstrauisch werden?

Der Kongress war nicht nur das "exklusive Forum für Innovation in der Privatbehandlung", wie der erste Vorsitzende Dr. Norbert A. Franz das Grußwort überschrieben hatte, sondern es war vor allem eine Zusammenkunft der wichtigsten "Player" in der Privatmedizin, um der bedrohlichen Lage bzgl. GOÄ öffentlichkeitswirksam entgegenzutreten.

Frankfurter Erklärung des PBV – für den Erhalt einer qualitativ hochwertigen Patientenversorgung
So hatte unser Verband, in Zusammenarbeit mit Herrn Plange von der Kongressorganisation, im Vorfeld die sogenannte "Frankfurter Erklärung" verfasst, in der präzise die Inhalte zusammengefaßt sind, die es für die freie Berufsausübung des Arztes mehr denn je zu fordern gilt. Wir wollen damit die derzeit von der Großen Koalition stillgelegte GOÄ-Novelle noch deutlicher fordern, gleichzeitig aber das Duale System erhalten und einer weiter im Raum stehenden Bürgerversicherung den Kampf ansagen. (Link zur Frankfurter Erklärung des PBV)

Kräfte bündeln für eine neue GOÄ

Unser ärztlicher Hauptverantwortlicher für diesen Tag der Privatmedizin, Dr. Christoph Gepp, zweiter Vorsitzender des PBV, hob eingangs die wichtigsten Punkte der Veranstaltung hervor: die Bündelung der Kräfte mit möglichst vielen Fachverbänden, v. a. auch wegen des o. g. "Verschiebebahnhofs" von Gesundheitsminister Jens Spahn bzgl. unserer Abrechnungsgrundlage GOÄ.
Wenn es nicht wie eigentlich lange versprochen zu einer Umsetzung der mühsam erarbeiteten Novelle kommen sollte (bei Zustimmung durch die Regierung wäre sie in ca. sechs Wochen umsetzbar, so Bundesärztepräsident Dr. Klaus Reinhardt), so fordern wir, der PBV, mit allen uns angeschlossenen anderen Verbänden eine Erhöhung des Punktwertes der alten GOÄ.

Das bedrohliche Szenario ergänzte Dr. Gepp dann mit der zum Jahresende erwarteten Analyse der sog. wissenschaftlichen Kommission, die ja bekanntlich prüfen soll, wie EBM und GOÄ zusammengelegt werden könnte (eine solche Kommission war ja im Koalitionsvertrag von der SPD eingefordert worden, um überhaupt mit der CDU koalieren zu können). Ihr gehören nur drei Medizinerinnen an, die restlichen zehn Mitglieder sind Juristen und Ökonominnen/Ökonomen. Es muss tatsächlich mit dem schlimmsten gerechnet werden, nämlich mit einem Vorschlag zu einer Zusammenlegung der beiden so unterschiedlichen Systeme. Für die machtpolitischen Spiele unseres Ministers wären solche "Ergebnisse" durchaus denkbar nützlich, bei der Neiddebatte, die in den Oppositionsparteien ständig befüttert wird.

Eine solche Zusammenlegung wäre eine Katastrophe für alle frei arbeitenden Ärztinnen und Ärzte, so Dr. Gepp, aber auch für alle Patienten, die damit das Recht und die Möglichkeit verlieren würden, frei und unabhängig ihren Arzt/Ärztin auszusuchen und behandelt zu werden.

Der PBV schließt eine Verfassungsklage nicht aus!

Zu der Bewertung unserer privatärztlichen Leistungen trug er noch einmal vor, wie die Schere zwischen zunehmenden Kosten in unseren Praxen und dem ärztlichen Honorar in den letzten Jahrzehnten auseinander ging (und geht), sollte sich das nicht ganz schnell ändern, erwägt der Privatärztliche Bundesverband eine Verfassungsklage! Dies ist umso wahrscheinlicher, da Jens Spahn auf einer Veranstaltung am 30. 10. 2019 gesagt hat, dass er mit einer Neuen GOÄ nicht mehr in dieser Legislaturperiode rechnen würde. (Wir brauchen uns da keine Vorstellung davon zu machen, wie das in einer nächsten aussehen würde.) Dr. Gepp stellte aber auch klar, daß kein Mensch glauben sollte, dass es unter einer Bürgerversicherung zu einer besseren wirtschaftlichen Situation in Kassenpraxen kommen würde, durch Transfers aus dem privaten Sektor. Vielmehr würde es zu dramatischem Praxissterben kommen, weil viele - gerade jüngere - Kolleginnen und Kollegen ein angestelltes Arbeitsverhältnis bevorzugen würden.

Dr. Gepp verwies abschließend zu diesem Themenkomplex auf die Verhältnisse in Großbritannien, den Niederlanden oder der Schweiz. Von außen betrachtet würden uns vielmehr all diese Länder um unser duales System beneiden, eine Zweiklassenmedizin entstehe gerade dann, wenn der Zugang zu medizinischer Versorgung immer mehr staatlich reguliert werde.


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Impulsvortrag Dr. Hans-Friedrich Spies,
Spitzenverband der Fachärzte, Internist und Kardiologe


Dr. Spieß betonte gleich zu Beginn seiner Einschätzungen über das künftige Gebilde der medizinischen Versorgung in Deutschland, dass es die GOÄ natürlich weiter geben werde, trotz aller Verzögerungen in der Weiterentwicklung; nur in welcher Form, das sei völlig offen, je nachdem was diese neue Kommission am Ende des Jahres vorlegen werde. Auch er betonte, dass die derzeitige Gerechtigkeitsdebatte eher eine Neiddebatte sei, Gerechtigkeit könne aber niemals Gleichheit bedeuten! Und auch er betonte, dass die Umbildung der Systeme in der Schweiz und auch in den Niederlanden gerade erst zum Aufschwung einer Privatmedizin geführt habe.


Mit diesen brandheißen Themen wurde vom stellvertretenden Chefredakteur Hauke Gerlof von der Ärzte Zeitung, dankenswerterweise Medienpartner für den Privatärztlichen Bundesverband für diesen Kongress, übergeleitet zur Podiumsdiskussion:

 

Verbände-übergreifende, gemeinsame Schritte sollten gefunden werden zur Perspektivsicherung der Privatbehandlung.

Teilnehmer waren:
Dr. med. Hans-Friedrich Spies, SPIFA e.V.
Dr. med. Christof Mittmann, 1. Vorsitzender Verband der Privatärztlichen Verrechnungsstellen
Dr. Ralf Kantak, Vorstandsvorsitzender PKV-Verband
Dr. med. Christoph Gepp, 2. Vorsitzender Privatärztlicher Bundesverband
Johannes Roller, 2. Vorsitzender des VOP-Verband operativ tätiger Privatkliniken

Herr Gerlof
betonte, dass die Privatmedizin noch nie so politisch gewesen sei wie in diesen Tagen. Über die Bedeutung der Privatmedizin stellte gleich zu Beginn PKV-Chef Kantak fest, dass bei einem gewollten Niedergang des dualen Systems nicht nur die 8 Millionen Vollversicherten der PKV "geopfert" werden würden, sondern auch die zahlreichen Zusatzversicherten von ca. 30 Millionen Bundesbürgern. Praktisch müssten derzeit 40 % der Bevölkerung aufstehen und sich beschweren! Die PKV leiste einen erheblichen Beitrag zur Modernisierung des Gesundheitswesens, Innovationen hielten viel schneller Einzug in die Versorgung. Vieles erreiche im EBM erst nach 8 - 10 Jahren Zugang zu Diagnostik und Therapie, weil dort evidenz-basierte Vorgaben viel mehr dominieren würden, was Vor- aber auch Nachteile habe.

Dr. Mittmann und Herr Roller konnten ebenso zahlreiche Argumente aufführen, die eine gravierende Ungerechtigkeit zwischen Privaten und gesetzlichen nicht erkennen ließen.

Die nochmalige Nachfrage von Herrn Gerlof bzgl. der größer werdenden politischen Bedeutung der Privatmedizin beantwortete Dr. Gepp
(2. Vorsitzender des PBV) dahingehend, dass der Druck enorm groß geworden sei, diesen offensiven Weg zu gehen, auch weil Patienten längst nicht mehr so umfassend zufrieden wären mit der Versorgung. Auch Herr Spies brachte den Einwand, daß man nicht mehr von paradiesischen Versorgungsstrukturen sprechen könne, gab vor allem zu bedenken, was passieren würde, wenn die GOÄ-Novelle weiter verschoben oder dem EBM angepasst werden würde: man müsste dann mindestens drei verschiedene GOÄ's für verschiedene Versorgungsbereiche kreieren.
Es schloss sich ein lebhaftes Frage-Antwort-"Spiel" an, da sich doch zahlreiche Teilnehmer mit unterschiedlichen Anliegen zu Wort meldeten; viele vermuteten fälschlicherweise dass es nach einer Anpassung von EBM und GOÄ vorwiegend zu "Cash-Zahlungen" in den Privatpraxen kommen würde. Dr. Spies (vormals auch BDI-Präsident) stellte klar, dass es immer eine GOÄ geben werde!

Nachmittagsvortrag: PKV – Motor des digitalen Fortschritts?

 

Im nachmittäglichen Podiumsvortrag wurde mit Spannung PKV-Chef Dr. Kantak erwartet, der mit dem Thema Digitalisierung in die Offensive gehen möchte, mit seinen Fachleuten und Investitionen keinesfalls Bremser sein möchte in diesem Sektor. Damit traf er nicht jedermanns Geschmack, es kam bei diesem Thema naturgemäß zu viel Widerspruch bzw. zu Einwänden bzgl. Datentransfer und -mißbrauchsgefahr.

Dr. Pantak ging eher noch einen Schritt weiter: die PKV unterstützt durch die Auflage eines eigenen Start-up-Fonds für Digitalisierung diese Weiterentwicklung "zur Verbesserung der medizinischen Versorgung". Er stellte in diesem Zusammenhang u. a. die Frage: wie können wir gesundheitsförderndes Verhalten unseres Klientel begünstigen? Wir Ärztinnen und Ärzte werden uns diesen Bestrebungen nicht verschließen (können), sehen uns aber auch veranlasst, skeptisch zu bleiben, weil wir auch sämtliche Nachteile einer solchen digitalen "Bewegung" im Auge behalten müssen. Er gab durchaus zu verstehen, dass die Branche selbst sich bereits einigen rechtlichen Problemen diesbezüglich gegenüber sieht und die Dynamik dieses Themas auch an Schwung verlieren könnte.

Keyspeaker Dr. Volker Busch: Gekommen um zu bleiben – Chronische Schmerzen meistern zwischen Akzeptanz und neuer Hoffnung

 

 

Wer bis zum Schluss blieb hat es nicht bereut: Wie von Dr. Gepp (2. Vorsitzender des PBV) und Dr. Ems (Geschäftsführer des PBV) angekündigt, wurde die Veranstaltung von einem exzellenten wissenschaftlichen Vortrag gekrönt. Dr. med. Volker Busch aus Regensburg referierte über chronische Schmerzen mit dem Thema "Gekommen um zu bleiben – Chronische Schmerzen meistern zwischen Akzeptanz und neuer Hoffnung".
Er konnte viele praktische Tipps geben, wie wir im Alltag neuen Zugang finden können zu chronischen Patienten, und es gehe immer um die Zeit: Kann man innerhalb der ersten 1 - 2 Jahre Zugang zu solchen Patienten finden, ist eine Bewältigung möglich. Leider dauere es bei den meisten Patienten mit Fibromyalgie und Co oft 8 - 9 Jahre, da sei dann vieles schon verloren, die Behandlung dann ungeheuer schwer. (Keiner der Anwesenden ist vorzeitig gegangen, trotz fortgeschrittener Stunde, die Lebendigkeit des Vortrages war einzigartig).

Gut besuchte Seminare und Vorabendveranstaltung

Die außerhalb des Podiums stattgefundenen Seminare und Vorträge waren ebenfalls sehr gut besucht, das sehr moderne neue Ambiente gegenüber dem in den Jahren zuvor universitären im Frankfurter Westend, ließ den gesamten Kongress sehr gut gedeihen – in allen Belangen.

 

Auch die Vorabend-Veranstaltung mit Dr. Grebe ("warum Männergesundheit") war ausgesprochen gut besucht, so dass insgesamt von uns Veranstaltern, aber auch von der Kongressorganisation und den Unterstützern ein sehr positives Resümee gezogen werden kann:

Der Aufwand hat sich gelohnt, die Privatmedizin hat einen weiteren kräftigen Pflock eingeschlagen im Kampf zum Erhalt ihrer selbst!

Dr. med. Heinz Oehl-Voss, 2. Vorsitzender des PBV, Schriftführer Privatärztliche Praxis

Weitere Berichte, z. B. zu Analogabrechnung für neue Therapien, der Informationspflicht über Resturlaubsansprüche, etc. lesen Sie in der PDF-Ausgabe!

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